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Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie

Geologie

In der geologischen Vergangenheit von Riedstadt

Forschungsbohrung bei über 280 Metern Tiefe angekommen

Wiesbaden, 18.12.2020 – Seit Ende Juli ragt auf einem städtischen Grundstück neben der Bundesstraße 44 bei Riedstadt-Erfelden eine rund zehn Meter hohe Bohranlage in die Höhe. Doch bei dem Forschungsprojekt des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) geht es in die Tiefe: Über 280 Meter ist die Bohrmannschaft bereits in den Untergrund vorgedrungen und hat Gesteine ans Tageslicht gefördert. Die Geologen können anhand dieser Ablagerungen erforschen, wie es vor Millionen von Jahren im hessischen Ried aussah und wie sich das Klima über die Zeit entwickelt hat. Schätzungsweise über drei Millionen Jahre, das heißt bis in die Quartärzeit sowie einen kleinen Teil der jüngeren Tertiärzeit, lässt sich derzeit schon zurückblicken. Ziel des Projekts sind jedoch 500 Meter Tiefe, die voraussichtlich bis März 2021 erreicht werden.

Die Gesteinsschichten, auf die die Bohrmannschaft stößt, ändern sich immer wieder. Bereits zweimal musste daher umgerüstet werden – die Bohrung stoppte. Zu Beginn rammte die Bohrmannschaft das Entnahmerohr mit einem 300 Kilogramm schweren Fallgewicht meterweise in die Tiefe. Nachdem auf ein drehendes Verfahren, das Seilkernverfahren, umgestellt wurde, nutzt die Bohrmannschaft aktuell wieder das rammende Bohrverfahren. Grund für die Umstellungen ist die Wechselfolge von Sanden und Tonen, die für den jeweiligen Zeitabschnitt der Erdgeschichte in der Region typisch sind. Da das Rammkernverfahren zeitaufwendig ist, geht es aktuell an einem Arbeitstag von 24 Stunden im Zweischichtbetrieb nur rund sechs Meter voran. Ab 350 Metern bis zur Endtiefe soll wieder das Seilkernverfahren zum Einsatz kommen. Dabei schneidet die Bohrkrone, die auf dem Entnahmerohr sitzt, die Bohrkerne aus dem Untergrund heraus. Die Kerne haben eine Länge von einem Meter.

Bei einer Tiefe von rund 254 Metern gab es einen Zufallsfund: ein Stück Holz, welches ein Alter von rund drei Millionen Jahren haben dürfte. Um die Holzart zu bestimmen, hat das HLNUG einen Teil nach Frankfurt zur Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung geschickt. Weitere Entdeckungen der Bohrung werden sich erst zeigen: Im Kernlager des HLNUG in Villmar-Aumenau öffnen die Mitarbeiter derzeit die ersten Kerne. Dafür halbieren sie die Kernstücke mit einer Gesteinssäge. Eine Hälfte dient als Arbeitshälfte, die das HLNUG mit Partnern geowissenschaftlich weiter untersucht. Die andere Hälfte packen die Mitarbeiter in Schlauchfolie ein, um interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern langfristig frisches Kernmaterial dieser Forschungsbohrung zur Verfügung zu stellen. Da dies auch bei anderen Forschungsbohrungen im Ried wie in Viernheim so gehandhabt wurde, dokumentiert umfangreiches Kernmaterial im HLNUG-Lager die letzten fünf Millionen Jahre des nördlichen Oberrheingrabens.

Nach Abschluss der Bohrarbeiten wird das Bohrloch geophysikalisch vermessen. Damit kann das Projekt noch weitere Daten zum Beispiel zum Verständnis von Erdbebenaktivitäten im nördlichen Oberrheingraben liefern. Wenn alle Kerne geöffnet sind und erste Daten vorliegen, plant das HLNUG, Universitäten und Forschungseinrichtungen in das Kernlager einzuladen. Bei dem Termin sollen die ersten Ergebnisse diskutiert und das Untersuchungsprogramm abgestimmt werden. Die Ergebnisse der Bohrung in Riedstadt sollen auch das vorliegende geologische 3D-Modell der Region verbessern. Sie sind dafür ein weiteres Puzzlestück.

Weiterführende Informationen:
Das Bohrprogramm