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Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie

Jahreszeiten – Geotope: Winter 2008/2009

Tiefenkarst-Phänomene in der Ober-Weser-Scholle

Der unter Naturschutz stehende, geheimnisvoll wirkende und sagenumwobene Große Wolkenbruch, auch Nasser Wolkenbruch genannt, ist eine trichterförmige Geländevertiefung, die auch als Erdfall oder Erdfalltrichter bezeichnet wird. Fast vierhundert Meter Luftlinie in westnordwestlicher Richtung hiervon entfernt und etwas höher liegend gibt es einen zweiten Erdfalltrichter – den Kleinen (Trockenen) Wolkenbruch.

Der Große Wolkenbruch ist mit seinem maximalen oberen Durchmesser von rund 150 Metern und einem Umfang von ca. 470 Metern eine imposante Erscheinung, die entfernt an einen Vulkankrater einschließlich Kratersee erinnert. Der bis zu 60 Meter breite Teich des Großen Wolkenbruchs unterliegt Wasserspiegelschwankungen von etwa 6 Metern. Im mittleren Bereich wurde eine maximale Wassersäule von deutlich über 15 Metern ausgelotet. Über die Gesamttiefe des Trichters gibt es verschiedene Angaben, die zwischen 47,5 und 60 Metern liegen. Da der Teich stagniert, er also keine nennenswerte Frischwasserzufuhr erhält, keinen Abfluss besitzt und auch keine Umwälzung der Wassersäule durch Wind erfolgen kann, finden schon knapp unter der Wasseroberfläche Fäulnis bildende (anaerobe) Prozesse statt, die sich durch einen unangenehmen Geruch bemerkbar machen. Der steile, mit bis zu 300 Jahre alten Buchen bewachsene Abhang besteht aus Wilhelmshausener und Trendelburger Sandstein-Schichten.

Die beiden Erdfälle haben eine weit zurückreichende Entstehungsgeschichte: Im ausgehenden Erdaltertum hinterließ zur Zechstein-Zeit ein kontinentales Nebenmeer, das weite Teile des heutigen Mitteleuropas bedeckte, eine zyklische Abfolge von Karbonatgesteinen (Kalkstein und Dolomit), Sulfatgesteinen (Anhydrit und Gips) und Steinsalz mit Einschüben von vergleichsweise dünnen Toneinlagerungen. Diese Ablagerungen entstanden infolge wiederholter Salzwasser-Eindampfung und –Kondensation unter heiß-trockenen Klimaverhältnissen.

Mit Beginn des Erdmittelalters folgten darauf vor etwa 250 Millionen Jahren zur Zeit des älteren Buntsandstein (Unterer und Mittlerer Buntsandstein) zumeist rot gefärbte festländische Sedimente, die überwiegend aus sandigen Flussablagerungen und schlammigen Absätzen flacher Überschwemmungsebenen zusammengesetzt sind. Unter dem Gewicht jüngerer Deckschichten von weit mehr als 1000 m Mächtigkeit und unter dem Einfluss des geologischen Faktors „Zeit“ verfestigten sich diese zunächst als Lockersedimente abgelagerten Schichten zu Sandsteinen und Ton-/Schluffsteinen.

Um die Zeitenwende vom Erdmittelalter zur Erdneuzeit wurden diese ursprünglich horizontal abgelagerten Sedimentfolgen zwischen Diemel und Leine zu einer flachen schildförmigen Aufwölbung verstellt. Die bis
dahin abgelagerten jüngeren Deckschichten (Oberer Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper, Jura und Kreide) wurden im Reinhardswald bis in den Mittleren Buntsandstein hinunterreichend wieder abgetragen und die verbleibenden Sedimente zerbrachen während der Heraushebung an Klüften und Störungen.

In der jüngsten erdgeschichtlichen Vergangenheit schließlich erreichte frisches, das heißt unversalzenes und daher hoch lösungsfähiges Grundwasser über die bei der Hebung entstandenen Trennflächen unter anderem auch die Sulfat- und Salzgesteine des Zechsteins im Untergrund. Diese wurden dabei örtlich aufgelöst und mit dem Grundwasser abgeführt. Dadurch wurden in einer Tiefe zwischen 900 m und 1300 m zunächst Laug-, Lösungs- oder auch Primärhohlräume geschaffen. Der Karst-Hohlraum unterhalb des Großen Wolkenbruches muss ein Ausmaß von etwa 880 000 Kubikmetern erreicht haben, bevor die darüber liegenden Buntsandstein-Schichten in jüngster geologischer Vergangenheit (Quartär) kollabierten und der vorliegende Einsturztrichter von etwa 325 000 Kubikmetern Rauminhalt entstand. Damit entstand auf mechanischem Wege ein Sekundärhohlraum, der daraufhin die Buntsandstein-Schichten in einer schachtartigen Aufstiegsbahn nach oben durchwanderte bis schließlich in historischer Zeit an der Erdoberfläche ein Einsturztrichter, Erdfall oder auch Doline genannt, einbrechen konnte. Der direkte Untergrund der Erdfälle besteht aus einer so genannten Subrosionsbrekzie, also aus Blöcken und Schutt des in die Tiefe gerissenen Gesteinsmaterials.

Im Gegensatz zum Großen Wolkenbruch besitzt der Kleine Wolkenbruch keine Wasserfüllung, weshalb er auch Trockener Wolkenbruch genannt wird. Trotzdem ist auch dieser 23 Meter tiefe und etwa 70 Meter breite Trichter für sich alleine eine bemerkenswerte Naturerscheinung. Für den Einsturztrichter des Kleinen Wolkenbruchs wurde ein Hohlraum-Volumen von ungefähr 4000 Kubikmetern ermittelt.

Der Große (Nasse) Wolkenbruch ist im Bereich der südniedersächsisch-nordhessischen Buntsandstein-Landschaft an der Oberweser der größte Erdfall-Trichter. Teilweise zitiert nach J. Lepper (Hannover) und Informationen auf der Hinweistafel vor Ort.

Großer (Nasser) Wolkenbruch und Kleiner (Trockener) Wolkenbruch

Geotop-Nummern: 4422-5 und 4422-4
Regierungs-Bezirk: Kassel
Landkreis: Kassel
Stadt/Gemeinde: Trendelburg
Topografische Karte: TK 25, Blatt 4422 Trendelburg
Koordinaten (Gauß-Krüger):
Großer (Nasser) Wolkenbruch: Rechtswert: 3530980 / Hochwert: 5715760
Kleiner (Trockener) Wolkenbruch: Rechtswert: 3530590 / Hochwert: 5715820